Das Leben ist die "Meditation"

 

            "Setzt euch für die Kultivierung ein, statt nach Ergebnissen zu suchen“ dies ist eine Lehre in der Philosophie der buddhistischen Meditation mit tiefer Auswirkung. Im Wesentlichen bedeutet es "man sollte täglich gute Taten vollbringen, ohne sich um persönliche Vorteile zu kümmern."

            Darunter ist zu verstehen, dass, wenn die Handlungen einer Person von Güte ausgehen, sich diese Person auf natürlicher Weise für spirituelles Wachstum öffnet: Dies ist der Weg der Erleuchteten. Andrerseits wird behauptet, dass diejenigen, die eine starke Abneigung gegenüber solchen Menschen haben, denen es an jeder Gutwilligkeit mangelt, sie sind eigentlich den Leuten, die sie verachten, noch nicht gleichgestellt. Diese beiden Konzepte spiegeln sich gegenseitig.

            Wenn es um Meditation geht, denkt man im Allgemeinen, dass buddhistische Praktizierende überhaupt nicht denken, wenn sie in einen meditativen Zustand eingehen. Dies ist ein Irrglaube, Meditation hat viele Aspekte. In der Tat, sogar den Akt des Diskutierens im Sinne des Dharma (Unterstützung des korrekten Verhaltens), wie wir es im Moment tun, stellt ebenfalls einen Weg dar, das Reich der philosophischen Meditation zu betreten. Sobald also eine Person anfängt über Moral zu sprechen, beginnt auch ihre Fähigkeit des Kultivierens zu wachsen. Wenn diese Person in der Lage ist, sich von dem Materiellen zu befreien, nimmt die Fähigkeit noch mehr zu. Mancher könnte fragen:

            "Warum Meditation? Warum sollten wir diese Fähigkeit entwickeln?"

            Meister Di Yu Ming 1991

            Meditation dient einem sehr wichtigen Ziel. Die menschliche Gestalt ist nicht rein. Aus diesem Grund dienen die persönliche Kultivierung und die Kontemplation des Buddhas vor allem der Rückverbindung der Seele und des Körpers mit der reinsten Natur des Universums. Sie helfen bei der Erkennung und Beseitigung von schädlichem Verhalten. Das Ziel der Kultivierung ist das natürliche Selbst zu finden und die Wahrheiten des Daseins zu entdecken.

 

            Das Vorhandensein einer moralischen Absicht ist eine entscheidende Komponente in diesem Lernprozess der Meditation, sodass es wichtig ist, das Herz in die richtige Richtung zu wenden, indem die Natur der Moral berücksichtigt wird. Im Chinesischen gibt es zwei gleichwertige Begriffe für den praktizierenden Buddhisten: es sind Xiu Dao Zhe - "Kultivierender der Moral" und Xiu Xing Zhe - "Kultivierender der Regeln“. Der Grund dieser Gleichwertigkeit ist einfach: Die Entwicklung der Moral ist von dem Ziel wahren buddhistischen Verhaltens nicht zu trennen. Buddhistische Praktiken führen nur dann zu Ergebnissen, wenn sie mit einem moralischen Ziel verbunden sind. Aus diesem Grund wird das Erreichen höchster Meditationsstufen von einem hohen Niveau der Moral und des moralischen Handelns begleitet. Sie ergänzen sich gegenseitig und sind Teil desselben Ganzen; also muss die moralische Betrachtung durch entsprechendes Verhalten, das heißt „Tat“ begleitet werden.

 

            Warum ist es notwendig, dass wir diese „Taten“ vollbringen? Die buddhistische Lehre behauptet, dass der Geist, dessen Türen geschlossen sind, den Weg nicht leicht erkennen wird, auch wenn er unendlich lange die Natur des menschlichen Herzens betrachten würde. Die Umsetzung der moralischen Theorie in die Praxis trägt zur Erleichterung des Leidens anderer bei, stellt die Zusammenfügung der Teile (welche die Tore des Geistes öffnen) dar. Durch die an anderen geleistete Hilfe schlagen diese moralischen Absichten Wurzeln in der realen Welt.

 

            Das wahre Ziel des Lebens ist die Entwicklung eines spirituellen Zustandes der Offenheit (in Richtung Meditation) und "schenken" ist der beste Weg, dies zu tun. Es ist auch die größte Freude. Diese Freude kommt aus der Tiefe des Herzens. Sie taucht auf einer bestimmten Ebene der Kultivierung auf. Sie ist jenseits von Worten und ist eines der Ziele der Meditationspraxis. Gespräche über fortgeschrittene Moral gelten als Vorbereitung für den Praktizierenden, indem sie ihn mit einer Großzügigkeit des Herzens, …einer Öffnung ausstatten. Die offene Großzügigkeit dieser Natur ist von Güte und Mitgefühl abgeleitet.


           
Die Chinesen sagen oft: "Unzählig ist die Anzahl der Künste, die erlernt werden können". Je früher wir damit beginnen uns die Kunst des Lebens anzueignen, desto mehr sind wir an dem endlosen Prozess des Lernens und Anwendens beteiligt. In der buddhistischen Philosophie bedeutet "Anwendung" deinen Beitrag für die Welt leisten. "Lernen" bedeutet das Mehren der Weisheit in allen Situationen, in denen der Praktizierende beteiligt ist und zugleich das Teilen dieser Weisheit, dieses Lichtes, mit all denjenigen, die sich daran erfreuen können.

 

            Der Buddhismus ist durch seine Fähigkeit, Menschen von ihrem Leiden zu befreien, zu erkennen; die Weisheit des Buddha (Dharma) kennzeichnet sich durch die Fähigkeit den Menschen auf seine Befreiung vorzubereiten und dahin zu führen.  Auf einzigartiger Weise ist der Pfad zur Befreiung flexibel, unterschiedlich von Person zu Person, von Situation zu Situation. Dies bedeutet, dass die beste Orientierung gegeben wird, unabhängig von den Umständen: Das Ziel ist das Gleiche, obwohl der Weg jedes Mal ein anderer ist. Unabhängig von der Methode muss jeder erfolggekrönte Prozess folgende Phasen durchgehen: vom Kleinen-Selbst (Egoismus), zum Großen-Selbst (Altruismus) und schließlich zum Nicht-Selbst (Mitgefühl).


           Um die Gültigkeit dieser Konzepte zu erläutern, nehmen wir an, dass ein Wissenschaftler einen ähnlichen Prozess während seiner Forschungsarbeit durchläuft. Das Stadium des Kleinen-Selbst kann mit der Situation des einsamen Wissenschaftlers verglichen werden, der seine Arbeit einem spezifischen Forschungsprogramm - in seiner Domäne widmet. Wenn der Wissenschaftler Verbindungen zwischen seiner Forschung und anderen Disziplinen feststellt, wird das ganze Verfahren erweitert, unabhängig von dem ursprünglichen Forscher und eine neue Vision kann erscheinen: das Große-Selbst. Schließlich, die Forschung entwickelt sich weit über das ursprüngliche Ziel des Forschers hinaus, es verkörpert in sich einen inneren Wert und Sinn, weit über die Absichten ihres Urhebers. Mehr Leute können erreicht werden, die Information erreicht sie in einer Kettenreaktion – der Forscher selbst ist nicht mehr unentbehrlich im Prozess – Frei-vom-Selbst. Dies veranschaulicht die wichtigste Form des Erfolges im buddhistischen Sinne: die umfassendste Form der Manifestation der Großzügigkeit.


            Deshalb ist die praktische Anwendung des Dharma von entscheidender Bedeutung. Ohne sie sind die Fortschritte begrenzt; der Nutzen für sich selbst und für andere ist begrenzt. Wenn jemand sich nur auf das sich Anhören der Theorien beschränkt, wird er niemals in der Lage sein, den nächsten Schritt zu tun, um sein Verständnis zu vertiefen.

          

            Es ist traurig, wenn nur ein einziger Mensch das Leiden überwinden kann, indem er die Befreiung und Zufriedenheit findet, aber es ist eine Freude, dass alle Menschen dies erreichen können. Echte Emanzipation, die Befreiung vom Leiden kann mit nichts verglichen werden. Es ist das größte Geschenk, das jemandem gegeben werden kann.


            Es gibt die Aussage: "Jene, die das Wissen des Dharma erlangt haben, haben es mit der Hilfe der anderen geschafft". Diejenigen, die anderen helfen, erreichen oft ein einzigartiges Gleichgewicht des Geistes: einen unvergleichbaren Frieden. Dazu sind es oftmals diese Menschen, jene die von den anderen Hilfe bekommen.
Diese gegenseitige Unterstützung funktioniert auf zwei Ebenen: Es beseitigt die künstlichen zwischenmenschlichen Barrieren und bringt sie in Harmonie mit der Welt als Ganzes.


            Die Hingabe und die gegenseitige Unterstützung sind inhärente menschliche Tugenden. Dies sind die Gründe, warum Handlungen, die auf Güte beruhen, ohne dass man an Belohnung interessiert ist, auf natürliche Weise einen Zustand anleiten, der zur Erleuchtung führt. Außerdem zeigen sie uns den Grund dafür an, wieso eine feindselige Grundeinstellung zu einem niedrigeren Zustand führt: Wahre Großzügigkeit ist ein Zustand der Offenheit, während Negativität Hindernisse für den geistigen Fortschritt schafft.“

 

      JinBodhi - Meister Di Yu Ming